Adieu Minimalismus! – Warum eine Auszeit davon so richtig gut tut

Eine Auszeit vom Minimalismus? Niemals! Ich konzentriere mich darauf Dinge zu tun, die im Ergebnis zu einem guten Leben führen sollen, statt Dinge zu horten, die das Gegenteil bewirken. Meine Zufriedenheitsskala gibt mir recht. Doch während einer Reise auf die hawaiianischen Inseln komme ich in den Genuss, Maximalismus pur zu erleben. Und ich sage euch, es fühlt sich gut an!

Alles beginnt mit einem Kleid

In den ersten Tagen bin ich noch durch und durch Minimalistin. Selbstverständlich reise ich mit Handgepäck an und strotze routiniert allen Kaufverführungen. Lediglich eine Sonnenbrille gönne ich mir, nachdem meine zerbrochen ist. Doch nach und nach bröckelt meine minimalistische Einstellung und ein Teil meines früheren Ichs kommt wieder zum Vorschein.

Alles beginnt mit einem Kleid. Nachdem ich es „nur so zum Spaß“ mal anprobiere, bin ich plötzlich nicht mehr aufzuhalten. Zu diesem Kleid gesellen sich zwei weitere Kleider und einpaar secondhand Klamotten vom Flohmarkt. Von meiner Gastgeberin bekomme ich außerdem noch eine Handvoll schöner Sachen geschenkt, die sie nicht mehr trägt. Dankend nehme ich sie an.

Und dann lasse ich einfach los

Nachdem das erste Kleidungsstück gekauft ist und ich mich so gar nicht schlecht fühle, sondern irgendwie beschwingt, lasse ich gänzlich los. In den nächsten Tagen esse ich, worauf ich Lust habe. Kein Bio? Egal. Ich konsumiere keine Nachrichten mehr, die mich traurig stimmen, schon gar nicht die über Tierleid, Umweltverschmutzung und Krieg. Ich lasse mich nur noch treiben, genieße das gute Wetter, den Anblick auf das Meer und die Vulkanberge.

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Natürlich lässt sich an diesem wunderschönen Ort nicht alles so leicht verdrängen, wie zum Beispiel all die Plastiktüten, die in den Supermärkten selbstverständlich ausgegeben werden. Gleichzeitig blicke ich jeden Tag auf das Meer und werde von einer stillen Furcht begleitet, wenn ich an den ganzen Plastikmüll denke. Ich nehme es auch hin, dass wir für jeden Meter das Auto nehmen, was hier leider selbstverständlich ist. Auch die zunehmend sichtbare Obdachlosigkeit geht mir nah. Doch für zwei Wochen möchte ich mir einfach überhaupt keine Gedanken mehr machen, sondern einfach nur da sein.

Warum eine Auszeit vom Minimalismus so gut tut

Sein Leben zu vereinfachen und auf das Wesentliche zu reduzieren klingt einfacher als es ist. Steve Jobs bringt diesen Gedanken in seiner Biografie genau auf den Punkt: 

„Einfachheit heißt, sich durch die Tiefen der Komplexität hindurchzuarbeiten. Um wirklich einfach zu sein muss man ziemlich tief eintauchen. |…| Man muss das Wesen eines Produktes ganz und gar verstehen, damit man dazu in der Lage ist, die nicht wesentlichen Teile loszuwerden.“

Was er in Bezug auf seine Produkte als Einfachheit versteht, lässt sich sehr gut auch auf das Leben übertragen. Wir müssen uns Gedanken machen, was wir von den durchschnittlich 10.000 Dingen, die wir besitzen, tatsächlich brauchen. Welche Arbeit erfüllt uns und vor allem wie viel? Welche Menschen tun uns gut? Eine sehr schwierige Frage, denn schließlich lassen sie sich nicht so einfach wegminimalisieren wie materielle Dinge. Wie wollen wir unser Leben gestalten? Angesichts der zahlreichen Optionen ebenfalls nicht einfach zu beantworten. Und wie können wir nachhaltiger leben? Wer das versucht hat, weiß, wie schwierig es ist, bequeme Gewohnheiten zu ändern.

Um unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu leben, müssen wir auch eigene Wege dafür finden. Nicht immer stoßen wir dabei auf Zustimmung und hadern nicht selten genug mit uns selbst, wenn wir unseren eigenen Überzeugungen nicht immer gerecht werden können. Ein Leben abseits des Mainstreams ist alles andere als leicht. Und deshalb tut es gut, sich eine kleine Auszeit zu gönnen.

Zurück nach Hause, zurück zu mir

Zwei Wochen. Das Wertvolle an der ganzen Sache ist, wie so vieles im Leben, die Begrenzung. Würde ich mein Leben so fortsetzen, wäre so vieles davon wieder ganz selbstverständlich. Und alles was selbstverständlich ist, macht weder glücklich, noch zufrieden. Ich würde mich also nicht sonderlich über ein neues Kleidungsstück freuen.

Es ist natürlich auch so verlockend, sich keine Gedanken über das eigene Leben zu machen und sich einfach nur treiben zu lassen. Doch damit gibt man auch immer ein Stück Verantwortung über das eigene Leben ab, wozu ich ungern wieder bereit bin – egal, wie herausfordernd das ist. Wer sein Leben selbst in die Hand nimmt, ist am Ende definitiv zufriedener, wage ich zu behaupten.

Mich hat diese kleine Episode ganz glücklich gemacht. Jetzt bin ich wieder zurück in meinem Leben mit all seinen minimalistischen Gewohnheiten und zehre noch immer davon. Eine Auszeit vom Minimalismus? Ab und zu darf man sich das gönnen.

Oder wie siehst du das? Ich freue mich sehr auf deine Kommentare!

 

 

 

 

 

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9 thoughts on “Adieu Minimalismus! – Warum eine Auszeit davon so richtig gut tut

  1. An sich werde ich nie behaupten, eine Minimalistin zu sein. Das geht kaum. Man dürfte in kein Flugzeug steigen, keine Medikamente und keine Pflegeprodukte nutzen, kein verpacktes Essen kaufen, keine Batterien oder Elektrik nutzen. Grade Diskussionen mit extrem Überzeugten lassen mich manchmal denken: Wenn ich jeglichen Effekt auf meine Umwelt verhindern will, müsste die Menschheit Suizid begehen. Man hat nur eine begrenzte Zeit auf dieser Welt und ich werde mir bei jedem Handeln nicht vorher die Ökobilanz anschauen. Allgemein kritisch zu sein und bewusst zu leben, ist auch schon eine gute Sache.

    1. Liebe Ex-Studentin, sich als Minimalist zu bezeichnen bedeutet für mich nicht, dogmatisch zu sein, sondern vielmehr, diesem Lebensstil zugewandt zu sein und sein Leben so danach zu leben, wie man es gerade selbst vermag. Und natürlich, wer lebt, verbraucht nunmal Ressourcen. Ich sehe das ähnlich wie du: allgemein kritisch zu sein und bewusst zu leben, ist auf jedenfalls eine gute Sache. Aber auch davon mal abzuschalten ist für eine kurze Zeit auch ganz erholsam. Mit Betonung auf „kurze Zeit“. Denn sonst ist es ja keine Auszeit mehr, sondern selbstverständlich 😉

  2. Extreme tun nie gut. Wer sich damit geißelt, sollte die Ursache in sich selber suchen und aufarbeiten, anstatt sich hinter extreme Verhaltensmuster zu verstecken und andere damit missionieren zu wollen.

    Mich hat ein wenig erschreckt, wie Du förmlich explodiert bist, Huong. Vielleicht bist Du in Deinem normalen minimalistischen Leben zu radikal. Es fehlen die Inseln darin. Verhalten und Seele scheinen da nicht ganz im Einklang zu sein. Aber das ist natürlich nur so daher gesagt und ein Gedankenansatz, den Du für Dich selber beantworten müsstest.

    Ich finde Minimalismus ist kein Verzicht, sondern ein bewusstes Sein! Man macht sich über seine (um)Welt Gedanken und trifft danach bewusste Entscheidungen. Dadurch entsteht Minimalismus zwangsläufig, weil viele Verhaltensmuster auf einmal keinen Sinn mehr machen, durch neue Erkenntnisse abgelöst und damit oft überflüssig werden. Und wenn man eine Entscheidung dann einmal getroffen hat, sollte man sich dafür nicht rechtfertigen. Höchstens vielleicht durch eine neue Entscheidung ablösen.

    Natürlich gibt es dann auch ein paar wenige Dinge, die nicht minimalistisch, sondern eher schon dekadent sind. Die sind aber für das Wohlgefühl wichtig und auch sinnig, finde ich. Und da man sich bewusst für den Überschwang entschieden und für sich die Ausnahme genehmigt hat, ist das auch ok.

    1. Lieber Lubo, ich lebe weder extrem, noch möchte ich andere missionieren. Und in meinem Alltag bin ich alles andere als radikal 😉 Für mich hat Minimalismus auch nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit Freiheit. Und ich bin auch sehr zufrieden damit. Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, dass eine kleine Auszeit davon auch mal ganz gut tun kann. Der Wert hat sich ganz einfach aus meinem minimalistischen Lebensstil ergeben. Hätte ich vorher schon so gelebt, wäre das alles ja nicht so besonders gewesen. Ich rechtfertige mich nicht, sondern teile meine Erfahrungen mit euch. In deinem letztem Absatz stimme ich dir vollkommen zu. Ein wenig Dekadenz ab und zu tut dem Wohlbefinden gut 🙂

  3. Ich finde, Minimalismus sollte niemals dogmatisch sein. Erst Recht nicht, sollten wir verbiestert durch die Gegend laufen. Solche Auszeiten lassen sich doch auch prima als Entdeckungsreise nutzen: Wie fühle mich mich? Wie geht es mir? EigenenAnsprüchenund Lebensentwürfe mal eine zeitlang loslassen, um sie dann nochmal mit etwas Abstand zu betrachten. Das kann durchaus einfach mal auflockernd sein. Daher kann ich es auch gut nachvollziehen.

  4. Ich finde es schade, das du nicht auch im Alltag einmal alle fünfe gerade sein lassen kannst. Das stelle ich mir als sehr stress voll vor. Ich hoffe das du dich so richtig schön freust über deine neuen Kleider und vielleicht auch etwas entspannter mit dem Thema Minimalismus umgehen kannst. Für mich ist es eine Entspannung Minimalistisch zu leben, mir auch etwas zu kaufen, was mir so richtig gut gefällt… und klar am liebsten esse ich bio und gesund, aber das Leben ist doch einfach anders wie erhofft und wenn von Freunden etwas mit Liebe gekocht ist aber keinesfalls bio, dann beisse ich herzhaft zu!!! Und teile den schönen Moment.
    Ganz liebe Grüße von Maren
    Minimalismusentspannt.blog

    1. Liebe Maren,ich gehe im Alltag sehr entspannt mit dem Thema Minimalismus um. bin auch nicht radikal und auch nicht immer konsequent … Dass ich mir seit längerem nichts gekauft habe, hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern rührt einfach daher, dass es nicht notwendig war. Ich habe es nicht gebraucht. Die Erfahrung, die ich gemacht habe während meiner Reise, war, dass es ebenfalls sehr entspannend sein kann, wenn man den Minimalismus auch mal vollkommen loslässt. Ich blicke mittlerweile auf 10 Jahre Minimalismus zurück. Er begleitet mich eigentlich bei jedem Schritt meines Lebens und bei vielen Entscheidungen. Das ist auch gut so. Aber nach 10 Jahren hat es mir einfach gut getan, gedanklich loszulassen. Nicht mehr und nicht weniger. Das habe ich als schön empfunden 😉 Ganz liebe Grüße zurück, Huong

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