Minimalismus – wie sich meine Einstellung zu Geld verändert hat


Ich erinnere mich an eine Vorlesung, in der der Professor uns davon erzählte, dass der Mensch, oder sagen wir besser, der Konsument, dazu neigt, mit seinem steigenden Einkommen, auch mehr Geld auszugeben. Ganz einfach aus dem Grund, weil er anfängt, Luxusgüter zu kaufen. Das könnte mir nicht passieren, dachte ich damals noch, weil Luxusausgaben ja unnötig waren. Passierte aber doch. Ich merkte es noch nicht einmal.

So wie viele andere auch, wollte ich es nämlich im Leben später einmal besser haben. Und dieses „einmal besser haben“ bedeutete für mich, mir zum Beispiel eine eigene Wohnung, ein Auto, teure Kleider, teure Urlaube, eine Kosmetikerin oder teures Essen leisten zu können. Ich fasse mich kurz: Luxus, Statussymbole und Komfort – das Übliche halt.

Als ich dieses „einmal besser haben Leben“ dann erreichte, war ich zwar zufriedener aber nicht zufrieden. Denn ich hatte, genau wie vorher auch, so viele Wünsche, dass ich mit dem Geld verdienen gar nicht hinterher kam. Vielleicht kommt dir das bekannt vor. Die Befriedigung dieser Wünsche bewirkte, dass ich permanent unter Leistungsdruck stand. Und es hörte einfach nicht auf. Denn dieses „einmal besser haben Leben“ wurde immer teurer. Und ich wurde immer rastloser, weil ich ständig von dem Gefühl begleitet wurde, nicht genug zu haben. Schließlich fand ich mich im klassischen Hamsterrad wieder. Ich würde sagen, das ist die typische Karriere eines Homo Consumens.

Welche Rolle spielte Geld dabei?

Geld war mir damals natürlich wichtig, um dieses „einmal besser haben Leben“ zu finanzieren. Ich arbeitete und sparte auf meist materielle Ziele hin. So gab ich es also im Grunde genommen für Dinge aus, die ich nicht brauchte, einbischen nach dem Motto:

„Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“ – Tyler Durden

Das führte dazu, dass ich nicht sorgsam, sondern sehr verschwenderisch mit meinem Geld umging. Ich gab es fast immer mit vollen Händen aus, zahlte gern mit Karte und wusste nie, wie viel ich davon noch auf dem Konto hatte. Zwar hatte ich die richtigen Geldweisheiten auf dem Schirm, lebte sie aber als Homo Consumens völlig falsch aus. Dafür will ich dir einpaar Beispiele nennen:

1. Geld ist nicht das Wichtigste im Leben

Natürlich steht Geld nicht an erster Stelle. Aber das heißt nicht, dass man sich nicht damit beschäftigen sollte. Weil es ein Begieriges Image hatte, sich damit zu befassen und darauf zu konzentrieren, mehr Geld anzuhäufen, vermied ich es. So fühlte ich mich zwar moralisch auf der richtigen Seite, hatte jedoch keinerlei finanzielle Bildung und war ständig pleite. Mittlerweile habe ich erkannt, dass es schwierig ist, achtsam mit etwas umzugehen, mit dem man sich nicht auskennt. Deshalb beschäftige ich mich regelmäßig mit dem Thema.

2. Wenn du stirbst, kannst du eh nichts mitnehmen

Auch das ist richtig. Aber der Homo Consumens in mir, nahm dies zum Anlass, mein Geld mit vollen Händen auszugeben, um später sagen zu können, dass ich mein Leben gelebt habe. Meine Vorstellung von einem guten Leben war also ganz auf Verschwendung und Konsum ausgerichtet. Letztendlich waren es aber nie materielle Dinge, an die ich mich erinnerte, sondern besondere Momente, Menschen, die mir viel bedeuteten oder wichtige Lebensschritte.

3. Glück kann man nicht kaufen

Das zwar nicht, aber dafür hatte ich ja damals den Konsum, der mir statt des großen Glücks, viele kleine Glücksmomente gab. Jedes mal, wenn mir danach war, reichte ein kleiner Mausklick in einem Online Shop und ich war kurz glücklich. Das führte aber dazu, dass ich mich nie fragte, wie ich mit meinem Geld all die Dinge finanzieren könnte, die mich langfristig glücklich gemacht hätten. Ich hatte zum Beispiel mal daran gedacht, mir eine berufliche Auszeit zu nehmen und ein wenig durch die Welt zu reisen. Schnell hatte ich diesen Traum mit dem Einwand verworfen, nicht genug Geld dafür zu haben. Heute weiß ich, dass ich es einfach in die falschen Dinge investiert habe.

Da ich mein Geld also immer auf das „einmal besser haben Leben“ abgestimmt habe, hatte ich nie wirklich das Gefühl, ein, in meinen Augen, gutes Leben zu führen, geschweige denn, mich zu fragen, was für ein Leben ich eigentlich führen will. So verpuffte mein Geld und damit auch meine Lebenszeit und Energie in unnützen Dingen, während ich darauf hoffte, dass das gute Leben endlich auch mal an meine Tür klopfen würde.

Das Leben, das ich heute führe …

Nachdem ich mein Leben entrümpelt habe, habe ich das Gefühl, dem guten Leben ein Stück näher gekommen zu sein. Denn zu sehen, wieviel Zeug ich angesammelt habe, das ich nicht brauche, hat mir auch gezeigt, wie wenig ich eigentlich brauche. Und all meine Ressourcen, wie Geld, Zeit und Energie, die dabei frei geworden sind, stecke ich jetzt in in dieses gute Leben. Wie du deine Finanzen entrümpelst, erfährst du übrigens hier.

Wünsche habe ich trotzdem noch. Sie haben sich aber weitgehend von der materiellen auf die immaterielle Ebene verschoben. Vor allem aber habe ich jetzt Lebensziele vor Augen, die meine kurzweiligen Konsumziele ersetzt haben. Natürlich ist es nicht so, dass jetzt alles rosig ist. Ich muss mich immer noch anstrengen und werde oft genug von Ängsten und Selbstzweifeln geplagt, zum Beispiel wenn ich an mein Ziel denke, irgendwann einmal vom Schreiben leben zu können. Aber im Grunde genommen mag ich, was ich tue. Das ist letztendlich das, worauf es ankommt. Daher werde ich es weiter versuchen.

Ich denke auch nicht, dass ich die Frage endgültig beantwortet habe, was denn nun ein gutes Leben ist, weil ich immer wieder neue Facetten davon entdecke. Aber ich habe das Gefühl, mich auf dem richtigen Weg zu befinden. Denn ich bin entspannter, nicht mehr so rastlos, irgendwie zufriedener. Zwar befinde ich mich immer noch in einem Hamsterrad, aber ich bin gerade dabei, ein geräumigeres und schöneres zu finden. Christoph von Finanzküche hat dazu übrigens einen tollen Beitrag geschrieben, der mich sehr inspiriert hat: Der schlaue Hamster sucht sich ein Rad, das er liebt.

… und welche Rolle Geld dabei spielt

Geld bedeutet für mich, die Möglichkeit, in meine persönliche Entwicklung, meine Träume, in mein Leben zu investieren – und zwar so, wie ich es leben will. Dann erst kann Geld auch zu unserem Glück beitragen. Und wenn man grundsätzlich mit wenig Geld gut auskommt, dann hat man auch ein viel entspannteres Verhältnis dazu, frei nach dem Motto:

„Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht.“ – Johannes Chrysostomos

Heute gehe ich sehr achtsam und respektvoll mit meinem Geld um. Ich befasse mich mit dem Thema und versuche immer den Überblick darüber zu behalten. Alle Ausgaben werden gut bedacht, um nicht unnötig Geld zu verschwenden. So bleibt mehr für wichtigere Dinge im Leben.

Wie sieht es bei dir aus? Hat sich deine Einstellung auf dem Weg zum Minimalismus auch verändert? Wie gehst du mit deinem Geld um? 

 

Buchtipp zum Thema:

„Glücklich ohne Geld“, von Raphael Fellmer

Sehr bereichernd finde ich, wenn man sich dem Thema Geld von unterschiedlichen Perspektiven aus nähert. Raphael Fellmer hat mich mit seinem Geldprotest und seiner Sichtweise zum Thema Geld stark beeindruckt. Seinen Lebensweg finde ich bewundernswert.

 

 

 

 

 

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8 thoughts on “Minimalismus – wie sich meine Einstellung zu Geld verändert hat

  1. Mir geht es ganz genauso wie dir! Ich war auch lange Zeit so ein Konsumgeier, am schlimmsten war es immer in Phasen, in denen ich emotional angespannt war. Seit ich angefangen habe, Überflüssiges loszuwerden und ein Gefühl für das zu bekommen, was ich wirklich brauche und was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben, gebe ich auch automatisch weniger Geld für neue (sinnlose) Dinge aus. Klar, hin und wieder kaufe ich auch immer noch mal irgendwas vollkommen Bescheuertes … aber es passiert wesentlich seltener.
    Ich glaube, am wichtigsten dabei ist einfach, dass man sich dessen bewusst ist, was man da so tut. Wenn man sich einfach nur unbewusst treiben lässt, wacht man irgendwann in einer Müllhalde auf und fragt sich, wie es dazu eigentlich gekommen ist. Ein bewusstes Leben fühlt sich fühl besser an. 🙂

    1. Liebe Michaela, danke für deinen Kommentar. Ja ich finde du drückst es gut aus: Ich hatte ebenfalls das Gefühl, mich in einer Müllhalde wiederzufinden, als ich all die Dinge auf dem Boden gesammelt hatte, die ich nicht brauchte. Entrümpeln öffnet uns wirklich den Blick für die wichtigen Dinge. Es erstaunt mich immer wieder, wie blind uns Konsum macht und wie sehr es uns von unserem eigentlichen Leben ablenkt. Irgendwie wirkt es betäubend. Das ist fast schon beängstigend finde ich. Liebe Grüße, Huong

  2. Ich arbeite seit 25 Jahren im Verkauf und bin erschrocken was ich so alles über die Jahre gekauft habe. Am Ende haben mich die Inhalte meiner Schränke fast erdrückt. Früher konnte ich nicht loslassen…hat ja alles mal Geld gekostet-:) Seit geraumer Zeit befasse ich mich mit meinem Überfluss, und Dank Dir und der anderen Bloggern über Minimalismus, räume ich jetzt richtig aus. Es handelt sich tatsächlich bei den meisten Dingen um verschenktes Geld und um kostbare Lebenszeit. Nach einer Bestandsaufnahme habe ich meinen Konsum rigoros eingedämmt und fahre gut damit. Es macht richtig Spaß das Konto wachsen zu sehen und weiteren Balast abzuwerfen. Wir lassen uns zu sehr manipulieren mit der Werbung und den neuesten Trends. Heute freue ich mich über jede gewonnene Stunde an Freizeit für mehr Lebensfreude. Außerdem wird somit die Umwelt geschont.
    Liebe Huong, Danke für Deine schönen Beiträge. Egal wie alt man ist, sie regen zum Nachdenken an.

    1. Liebe Mary, ich weiß was du meinst 🙂 Ich freue mich auch, jetzt endlich das Gefühl, genug zu haben. Das macht sich finanziell auch bemerkbar. Habe auch mal im Verkauf gejobbt. Ich glaube ich gehörte gleichzeitig zu den besten Kundinnen. Bin sehr froh, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, Dinge besitzen zu müssen. Danke für deinen lieben Kommentar 🙂 Liebe Grüße, Huong

  3. Hallo, großes Danke für diesen super argumentierten Artikel! Mir gefällt insbesondere, wie du die Thesen zur Rechtfertigung von Konsum wieder rückübersetzt in Thesen zur bewussten Lebensführung.
    Ich beschäftige mich schon geraume Zeit mit dem Thema Minimalismus und einem bewussteren Leben, aber erst seit kurzem in einem eigenen Blog.
    Die Entwicklung vom zu viel Haben über das Befreien bis hin zum bewussten Ungang mit Ressourcen wie Zeit und Geld kann ich absolut nachempfinden. Der Konsum verändert sein Gesicht: aus der Ablenkung, Betäubung und dem Fokus auf Schein wird die Sehnsucht nach wenigen echten Werten, die immaterieller Natur sind.
    Eine spannende Frage war für mich in diesem Kontext die Frage nach den Dingen, die mir aktuell am Herzen liegen. Ich spreche wirklich bewusst von Dingen, weil es die häufige Frage der Minimalisten auf die Gegenprobe stellt: worauf kann ich verzichten? Wenn ich weiß, worauf mir Verzicht besonders schwer fällt, begegne ich meinen eigentlichen Werten und Motivationen unmittelbar. Ein Beispiel: mein MacBook wurde mir gestern gestohlen (war auf meiner Liste wichtiger Dinge). Das ärgert mich insofern, dass ich nun etwas umständlicher auf dem iPad tippe. Geht natürlich auch. Das eigentliche Glücksgefühl, das ich beim Schreiben empfinde, bleibt unantastbar. Insofern löst sich das Herz vom konkreten Gegenstand, aber nicht von der erfüllenden Tätigkeit des Schreibens dahinter. Die Dinge dienen wieder mir und nicht ich den Dingen 🙂

    Denke, dass du eben diesen Prozess meinst, wenn du vom Fokus auf die wichtigen Dinge sprichst.

    Liebe Grüße, Bewusstlust

    1. Liebe Rebecca, danke für deinen tollen Kommentar. Die Frage nach Dingen die uns am Herzen liegen finde ich sehr interessant. Ich kann dir nur zustimmen. Häufig hängt man zum Beispiel auch an Dingen, wenn wir sie mit bestimmten Personen verbinden. Aber wenn man sie verliert, wird uns möglicherweise dadurch bewusst, dass es wirklich nur Gegenstände sind und das, was uns wichtig ist, in uns drin ist. Ich hoffe du findest dein Macbook wieder. Finde aber toll, wie du mit der Situation umgehst. Liebe Grüße, Huong

  4. Hallo Huong!
    Das ist der erste Artikel, den ich von diesem Blog lese und er hat mich zum Nachdenken gebracht.
    Ja, irgendwie wissen wir alle, dass wir im großen Luxus leben, aber wir vergessen es auch immer wieder. Sicherlich hat die Werbung einen großen Anteil daran. Bei manchen Menschen vielleicht auch der Druck von Außen oder gar das eigene Verlangen immer besser sein zu wollen/müssen. „Mir brauchen ein größeres Gartenhaus als unser Nachbar“.
    Für mich ist Weihnachten immer sehr verwunderlich. Man gibt Geld für Geschenke aus weil man etwas schenken „muss“. Ich finde es immer wieder überraschend was im Durchschnitt für Geschenke ausgegeben wird.
    Aber wo fängt man an und wo hört man auf?
    Was ist Luxus und was ist schon Geiz. Ein 10x benutzter Teebeutel ist sicherlich auch nicht der richtige Weg. Wie du schon beschrieben hast, sollte man sich mit dem Thema beschäftigen.
    Wichtig ist sein persönlicher Weg zu finden ohne äußere Manipulationen und Gesellschaftszwängen.
    Vielen Dank Huong für deinen Artikel.

    1. Liebe Rita, danke für deine Worte. Ich besinne mich bei vielen Entscheidungen darauf, mich zu fragen, ob es mein Leben besser macht. Das hilft ganz oft auch bei Kaufentscheidungen. Dann wäge ich ab, ob ich lieber etwas Materielles kaufe oder das Geld für ein gutes Essen, für eine Reise oder andere kleine Erlebnisse ausgebe. Es sind diese kleinen Entscheidungen, die das Leben in der Summe beeinflussen. Und klar, da hast du recht. Man muss sich fragen, inwiefern man den Teebeutel wiederverwenden möchte. Ab wann ist es nicht mehr schön? Und ab wann macht es Sinn für mein Leben. Ich muss sagen, dass eine gute Mischung aus Genuss und Achtsamkeit für mich ein gutes Ganzes ergeben, wobei Achtsamkeit nach Pareto um die 80% meines Denkens einnehmen, mich sehr zufrieden machen und 20 % Genuss mich hin und wieder ziemlich glücklich machen 🙂 Ganz liebe Grüße Huong

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