Tim Schäfer: „Viel wichtiger für deine Zufriedenheit ist, dass du anständig bist“

Der Wallstreetjournalist und Finanzblogger Tim Schäfer ist seit einigen Jahren finanziell frei. Geschafft hat er dies durch konsequenten Konsumverzicht, einer hohen Sparquote und die Investition in Aktien. Seine Anlagestrategie: Buy and hold à la Warren Buffet. Seine Botschaft: Verzichte auf Clownsachen und lebe sparsam. Täglich betet er dies auf seinem Blog rauf und runter. Man könnte schon fast meinen, er sei geizig. Doch als ich ihn in seinem New Yorker Apartment treffe, wird schnell klar, dass mir selten ein so großzügiger Mensch begegnet ist – vor allem in seinem Herzen. 

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Lieber Tim, New York ist eine wahnsinnig aufregende Stadt. Seit einigen Jahren lebst du bereits hier. Was hat dich hierher gezogen?

Ich schreibe ja für Finanzmedien. Da liegt es nahe, an der Wallstreet zu sein. Wenn du mal guckst: ein Drittel vom Weltvermögen ist hier konzentriert in New York. Ist der Wahnsinn oder?

Ja, absolut. Seit einigen Jahren bist du finanziell frei. Du müsstest theoretisch nicht mehr arbeiten. Hat sich dein Lebensgefühl dadurch verändert?

Ich habe weniger Sorgen wegen der Arbeit und wegen dem Leben an sich. Früher war ich festangestellt. Jetzt arbeite ich nur noch freiberuflich. Das ist der große Vorteil. Eigentlich kann ich machen, was ich will. Viele Aufträge lehne ich ab, wenn ich keine Lust dazu habe und mache nur noch das, was mir Spaß macht und was mich interessiert. Ich kann ausschlafen, ich kann morgen ein Ticket buchen und fliegen, wohin ich will. Das mache ich auch oft.

Blick aus Tims Apartement im New Yorker Financial District

Bist du glücklicher seitdem du finanziell frei bist?

Viel glücklicher würde ich jetzt nicht sagen. So extrem angestiegen ist das nicht. Man muss schon aus sich selbst heraus glücklich sein. Das Geld macht einen nicht glücklicher. Aber ich fühle mich sicherer. Ich habe viel weniger Ängste.

Hast du das Gefühl gehabt, auf etwas zu verzichten, um das Ziel der finanziellen Freiheit zu erreichen?

Nein, eigentlich nicht. Für das, was mir wichtig ist, habe ich Geld ausgegeben, wie zum Beispiel Sport. Das hat mich einiges gekostet. Ich habe an Marathons und Triathlons teilgenommen. Das war teuer. Ich habe viel ausgegeben für Fitnessstudios und hatte sogar mal einen Fitnesstrainer. Für Sport, Ernährung und Reisen gebe ich gern Geld aus. Für Erlebnisse. Ich habe also nicht das Gefühl auf etwas zu verzichten. Trotzdem bin ich eher sparsam und gebe grundsätzlich kein Geld für unsinnige Dinge aus.

Du hast dich bereits sehr früh für das Thema finanzielle Freiheit interessiert. Wie bist du dazu gekommen?

Das kam durch die Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit gemacht habe. Wir hatten einige schwierige finanzielle Phasen. Meine Eltern hatten damals ein Haus gekauft. Dann kam die Hochzinsphase, was dazu geführt hat, dass sie teilweise nicht wussten, ob sie das Haus abbezahlen können. Und das sind so Existenzängste, die mich zu diesem Ziel motiviert haben.

Übrigens gehen viele Familien da durch. 10% der Deutschen sind überschuldet. Du hast große Wünsche, große Pläne und der Mensch neigt dazu, sich diese auch zu erfüllen. Und die Bank will das auch finanzieren. Problematisch ist, wenn du die Schulden nicht mehr bedienen kannst. Das passiert, glaube ich, jeder 2. Familie.

Jetzt wo du dein Ziel erreicht hast, fehlt dir neuer Antrieb?

Ja. die Arbeit ist wie ein Hobby. Das macht mir total Spaß. Doch der Mensch braucht Herausforderungen. Ich muss mir etwas Neues suchen. Ich will wieder mit dem Laufen anfangen. Da bin ich etwas faul geworden. An der Ernährung will ich noch etwas machen und der Blog ist auch eine Herausforderung.

Interessiert sich dein Partner für dieses Thema?

Ich hab ihn voll begeistert dafür. Er hat seine Studienkredite getilgt und in Aktien investiert.

Lebt er auch so genügsam wie du?

Ja. Er ist ebenfalls sehr sparsam und hatte noch nicht mal einen Fernseher, als wir uns kennenlernten.

Oft grillen sie gemeinsam auf der Dachterrasse

Könntest du mit einem Partner leben, der konsumorientiert wäre?

Nein, das geht nicht.

Und wie ist das, wenn du jemanden neu kennenlernst? Man muss schon sehr charakterstark sein, um einem Lebensstil treu zu sein, der nicht ganz konform ist. Fällt dir das leicht?

Wenn man anfängt zu daten, sollte man schon tolerant sein. Die perfekte Person wirst du eh nicht finden. Man kann auch Kompromisse eingehen.

Kannst du das?

Ja, ich denke schon.

Auf deinem Blog sprichst du viel über Minimalismus. Würdest du dich als Minimalisten bezeichnen?

Ja, ich habe sehr wenige Sachen und lebe total sparsam. Du hast ja gesehen, wir haben hier keinen Platz, keinen Keller. Und in einer WG hast du nur 1 Zimmer. Ich habe keinen Schrank gehabt, eigentlich habe ich nichts gehabt.

War das schon immer so?

Nein. Ich hatte auch eine Phase, wo ich viel Geld ausgegeben habe. Das war direkt nach dem Studium. Da lief der Job gut. Ich habe mir ein sehr teueres Auto gekauft, einen 5er BMW. Es war eine Wahnsinnssumme, die ich da ausgegeben habe. Eigentlich finanziell total bescheuert. Aber ich habe gedacht: „Den brauchst du.“

Und dann habe ich mir eine Wohnung gekauft. Die musste dann natürlich gut eingerichtet und neu renoviert sein. Das habe ich mit meinem Vater gemacht. Wir haben einen Granitboden reingemacht und so. Eine Einbauküche habe ich auch einbauen lassen. Das war mir damals wichtig.

Die Wohnung habe ich jetzt vermietet. Insofern ist das Geld keine Verschwendung gewesen.

Dann habe ich mich dazu entschieden, nach New York zu gehen. Da ist mir der Kontrast bewusst geworden: Ich habe gar nichts gehabt, außer meinem Koffer.

Und, wie war das für dich?

Ich hab mich auch zufrieden gefühlt damit, sogar viel zufriedener eigentlich als mit dem ganzen Zeug daheim und dem 5er BMW. Eines Tages rief mich mein Vater an und sagte: „Du, ich war ich der Garage. Da ist die Luft aus den Reifen raus. Die Batterie ist tot. Er springt nicht mehr an. Eine Staubschicht ist drüber.“ Und da hab ich gesagt: „Oh, verkaufen wir.“ Und dann war das viele Geld weg.

Stimmt, ein enormer Wertverlust

Ja, vor allem, wenn er nicht gefahren wird. Der stand schon seit 6 Monaten herum. Mein Vater hat ihn wieder hergerichtet, neue Batterien eingebaut und schnell verkauft. Da hab ich gemerkt, dass ich kein Auto brauche. Dann habe ich meinen Lebensstil geändert und mehr Sport gemacht. Das war eine Herausforderung, die mich sehr zufrieden gemacht hat.

Was bedeutet dir Geld?

Geld ist eigentlich nicht besonders wichtig. Wichtig ist, dass du dich gut fühlst, eine tolle Beziehung und Familie hast. Geld ist ein Mittel, mit dem man sich ein bisschen glücklicher fühlen kann aber es ist nicht das Wichtigste im Leben.

Hattest du das Gefühl, dass das Ziel der finanziellen Freiheit dein Leben sehr stark bestimmt hat, sodass du dich manchmal wiederum nicht frei gefühlt hast?

Meinen Eltern kaufe ich ab und zu ein Flugticket. Das mache ich sehr gerne und es fällt mir auch nicht schwer.

Als Finanzjournalist beschäftige ich mich automatisch mit dem Thema Finanzen und zudem bin ich schon sehr sparsam aufgewachsen. Ich habe halt gelernt, einzuteilen. Das vergisst du einfach nicht. Zum Beispiel war nicht genug Geld da und mein Vater wollte mir trotzdem einen Urlaub bezahlen. Dann hat er einen Freund angerufen in Griechenland in Athen und hat ihn gefragt, ob ich für zwei Wochen im Sommer kommen kann und mich in den Bus gesetzt. Das waren zwei Tage Busfahrt. 

Hast du nicht gedacht: „Oh man, die anderen fliegen und ich muss mit dem Bus fahren?“

Ja, ich war schon verärgert. Mein Vater sagte, dass das nicht so schlimm sei und gab mir Brot und Wasser mit. Für zwei Tage. (Wir müssen beide herzhaft lachen).

Das Ganze hat meine Einstellung zum Leben stark beeinflusst. Deswegen hasse ich es, Geld sinnlos auszugeben. Ich kann es zum Beispiel nicht verstehen, wenn jemand 3 Jacken hat. Die Leute laufen mit säckeweise Kleidung aus den Geschäften.

Zu meiner Anfangszeit in New York zum Beispiel war ich auch gezwungen, total sparsam zu leben, auch weil hier alles absurd teuer ist. Als Journalist verdienst du auch keine Rekordsummen. Da habe ich gedacht: „Gehst in eine WG. Dann kannst du dir das auch leisten.“ Allein für das Zimmer habe ich über 1000 $ bezahlt + Nebenkosten. Trotzdem wollte ich auch noch etwas sparen. Du kannst ja nicht alles ausgeben.

Das ist mein Grundverständnis. Die ist fest in meiner DNA drin. Ich bin in ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen und habe früh beigebracht bekommen, nicht immer alles auszugeben. Du brauchst Reserven und musst deine Finanzen konservativ managen.

Was war zuerst da: Minimalismus oder finanzielle Freiheit?

Vielleicht auch Sparsamkeit. Das ist alles verwoben miteinander. Wenn du sparsam bist, bist du eigentlich auch Minimalist. Was soll ich ständig Zeug kaufen?

Ich glaube, dass die Leute viel freier in ihren Gedanken und in ihrem ganzen Leben sind. Es fließt sehr viel Zeit in den Konsum: die Kauferei, das Rumrennen. Du gibst deine Freizeit auf für Einkaufscenter, Amazon Shopping, Umtausch, pflegen, Kisten packen, aufräumen und aufbewahren.

Viele kompensieren einen Mangel in ihrem Leben mit Konsumgütern.

Ich glaube, dass es in der Selbstfindungsphase des Lebens jedem mal so ergeht oder?

Ja, so ist das. Doch viel wichtiger für deine Zufriedenheit ist, dass du anständig bist und dass du fair gegenüber anderen bist und anderen hilfst. Das ist wichtiger als ein blödes Auto, eine Villa oder ein Luxusurlaub.

Bei einem Rundgang durch eine von vielen New Yorker Konsumtempeln, die Tim in der Regel meidet

Dem stimme ich dir absolut zu. Vielen herzlichen Dank für das tolle Gespräch, deine Zeit und die wundervolle Begegnung.

Mehr über Tim Schäfer erfahrt ihr auf seinem Blog www.timschaefermedia.com. Ihr findet ihn auch auf Facebook und YouTube.

Neben Tims Blog ist übrigens auch der Finanzblog und Podcast von Daniel www.finanzrocker.net zu empfehlen und der Finanzblog von Natascha www.madamemoneypenny.de 

Einstiegslektüre: Finanzielle Freiheit

Wenn dich das Thema „Finanzielle Freiheit“ interessiert, findest du eine Menge Literatur dazu. Das Buch „Ich gönn mir Freiheit“ von Patrick Hundt* ist für den Einstieg jedoch ganz besonders zu empfehlen. Denn nicht für jeden muss das Ziel der finanziellen Freiheit ein Glücksgarant sein. Weder glorifiziert er dieses Ziel, noch gibt er dem Leser das Versprechen, es ebenfalls zu schaffen.

Im Gegenteil. Er lässt unterschiedliche Protagonisten zu Wort kommen, die die finanzielle Freiheit bereits erreicht haben, sie noch anstreben und Menschen, die sich trotz Arbeit bereits frei fühlen. So erhält der Leser einen differenzierten Blick auf dieses Ziel und Impulse, um die Frage für sich zu beantworten, ob das auch für ihn erstrebenswert ist. Freiheit bedeutet letztlich für jeden etwas anderes. Auch Patrick hat am Ende eine Antwort für sich gefunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 thoughts on “Tim Schäfer: „Viel wichtiger für deine Zufriedenheit ist, dass du anständig bist“

  1. Ein tolles Interview, Danke ihr beiden! Das Thema geldlos(er) leben beschäftigt mich seit der Minimalkon 2017.
    Etwas, wo ich mir persönlich noch nicht sicher bin, ist die Formulierung: „Was bedeutet dir Geld?
    Geld ist eigentlich nicht besonders wichtig. Wichtig ist, dass du dich gut fühlst, eine tolle Beziehung und Familie hast. Geld ist ein Mittel, mit dem man sich ein bisschen glücklicher fühlen kann aber es ist nicht das Wichtigste im Leben.“ Ich persönlich glaube, das es so nicht ganz „stimmt“. Ja, das ist alles wichtig. Aber Tim hat ja auch gesagt: „Du brauchst Reserven…“. Und ich glaube, letzten Endes geht es nicht um’s Geld, sondern um das, was ich dafür bekomme: Sicherheit, Freiheit, Gesundheit, Zugehörigkeit, Möglichkeiten…. etcpp. Und das ist schon wichtig und dafür braucht es eben manchmal (nicht immer) dann doch die Tauschware Geld.
    Danke für die Anregung, jetzt schaue ich mir deine Buchempfehlung an und dann Tims Blog. 🙂
    Liebe Grüße
    Sunray

    1. Da stimme ich dir zu liebe Sunray. Es geht nicht ums Geld an sich, sondern darum, was wir mit dem Geld machen, ob wir es für uns sinnstiftende Dinge ausgeben oder eben „Clownsachen“. Liebe Grüße, Huong

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